Weihnachten in Zeiten der Abschottung

Wie sie wohl angereist sind, die berühmten „Weisen aus dem Morgenland“? Und ob sie ein Visum hatten? Weihnachten stellen wir sie jedenfalls wieder wie selbstverständlich in unsere Krippen. Oder wir erfreuen uns am Dreikönigstag ihrer Geschichte – auch wenn sie nichts Historisches erzählt, sondern zeigen will, wie die Geburt Jesu alle Grenzen überschreitet. Die europäische Tradition hat aus ihnen übrigens erst später die drei Könige gemacht – aus den damals drei bekannten Erdteilen (Asien, Europa, Afrika).

Ausgerechnet aus dem Irak (Babylonien) und Iran (Persien) könnten die „Weisen“ gekommen sein, Länder, aus denen auch heute Flüchtlinge nach Europa gehen. Ausgerechnet aus Afrika und Asien sollen die „Könige“ stammen, also unseren Nachbarkontinenten, die auch durch unser Wirtschaften, Militäreinsätze und den Klimawandel destabilisiert werden und Menschen zur Flucht zwingen.

Aber so offen sich Europa früher gegenüber den fremden Gästen gezeigt hat (sogar die vermeintlichen Gebeine der drei Könige schafften es in den Kölner Dom), so offen ist Europa heute nicht.

Wir alle sind vom Schicksal der Menschen, die auf der Flucht über das Mittelmeer in Gefahr geraten, berührt. Es will uns einfach nicht in den Kopf, dass man sie nicht retten dürfen soll. Die staatliche Operation „Sophia“, die trotz anderer Aufgaben viele Menschen gerettet hat, ist Anfang 2019 eingestellt worden. Zivile Organisationen wie Sea Watch, Sea Eye, SOS Mediterranee etc., werden massiv behindert, sogar kriminalisiert. Und so sind 2019 wieder weit mehr als 1.000 Menschen ertrunken, Dunkelziffer unbekannt.

Was in der Sahara und den angrenzenden Ländern passiert, ist wahrscheinlich zahlenmäßig noch viel ungeheuerlicher. Hinzu kommen im Inland Gesetzesverschärfungen, die Abschiebungen erleichtern, die Kasernierung von Geflüchteten bis zur Asylentscheidung festlegen und manches mehr.

Es scheint so, als ob alles getan wird, Europa abzuschotten vor den Flüchtenden. Die Weisen hätten heute keine Chance; oder sie vielleicht noch am ehesten, denn sie hätten ja als Fachleute (für Sterndeutung) gelten können, und sie brachten Gold und anderes mit.

Aber die Zivilgesellschaft zeigt Haltung. Viele Städte haben sich zu sicheren Häfen erklärt und wollen Gerettete aufnehmen. Die zivilen Seenotretter schaffen es, immer wieder Missionen zu fahren. Ein neues Bündnis „United4Rescue“, dem sich auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und viele Landeskirchen angeschlossen haben, hat sich gegründet hat. Es macht politisch Druck und sammelt im großen Stil Geld für ein weiteres Rettungsschiff und die Unterstützung der vorhandenen Organisationen.

Und es gibt die Menschen und Gruppen, die die große Rettungskette am 16. Mai von der Nordsee bis zum Mittelmeer planen.

All dies gehört zusammen mit dem Einsatz von vielen Menschen in anderen Bereichen für die Rechte Geflüchteter. Es geht es nicht nur um die Seenotrettung, aber aktuell wird gerade hierdurch der Fokus neu auf die Idee der Humanität und der Offenheit gegenüber Schutzsuchenden gelenkt. Und das ist so wichtig heute.

Es wird viel Arbeit im nächsten Jahr sein, den lippischen Teil der Rettungskette zu organisieren. Es wird viel Engagement brauchen, gegen die Verschärfungen im Flüchtlingsrecht zu protestieren und im Einzelfall anzugehen. Es wird auch Mut brauchen, gegen Rassismus und Antisemitismus und gegen all den Hass und die Hetze, die auch Menschen guten Willens betreffen kann, an der Menschlichkeit festzuhalten.

Aber es tut sich an vielen Stellen etwas, auch dank Euch!  Wir sind wir nicht allein, was im Übrigen auch eine Botschaft von Weihnachten ist.

Dieter Bökemeier, Pfarrer für Flucht und Migration der Lippischen Landeskirche

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. sehr schöne und treffende Worte 🙂

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