Friedhof der verlorenen Seelen

von Thomas Wiencke, Rostock

Heute durfte ich den Friedhof der verlorenen Seelen besuchen. Mit mir zusammen zwei echte Helden aus Zarzis.
Der eine hat hier in Zarzis ein kleines Museum geschaffen mit „Strandgut“. Alles was hier angeschwemmt wurde, seit wir von den vielen Bootstragödien wissen. Kleidung, Spielzeug etc. pp … ich werde dieses Museum in den nächsten Tagen besuchen.

Bild könnte enthalten: Pflanze, Schuhe, im Freien und Natur

Der andere Mann hat diesen Friedhof vor ein paar Jahren angefangen anzulegen, als die Leichen ertrunkener Flüchtlinge am Strand zu viel wurden. Auf diese, seine Art versucht er diesen Menschen eine Art letzte Ehre zu erweisen.

Während diese beiden Helden der Humanität einer Delegation aus Italien über die Bergung der vielen Leichen und den Friedhof erzählten, schaute ich mich etwas abseits um. Der Friedhof hatte mich vom ersten Augenblick zu sehr mitgenommen, ich konnte dort nicht still stehen und mir ausmalen, wie die Leichen ausgesehen haben müssen.
Viele Gräber gehörten Kindern, viele Gräber beherbergten „Doppelfunde“ – oftmals Vater oder Mutter mit Kind, noch im Tode fest umarmt.

Überall um mich herum lagen die Reste ertrunkener Menschen: Kieferknochen, Beckenknochen, Oberschenkel, Finger, Kleiderreste …

Bild könnte enthalten: Essen und im Freien

Ich blickte in die entgegengesetzte Richtung hinaus aufs Meer, lief zwischen Müll und dünner Pflanzenwelt über den Sand,
Trat auf einen Knochen …
auf einen Menschenknochen …
Trat schnell zur Seite und stand direkt vor dem nächsten Knochen …

Zwischen Müll und Sand lagen hier hunderte, längst verwehte, verweste, vor Jahren im Mittelmeer ertrunkene Menschen …

Ihre Knochen, ihre Überreste zwischen altem Müll, wie alter Müll …

Bild könnte enthalten: Pflanze, im Freien und Natur

Ich musste weinen, konnte es nicht zurück halten. Ich weinte vor Trauer und ich weinte vor Wut. Diese Menschen, deren Überreste hier überall um mich herum lagen, waren nicht einfach alte Menschen, deren Zeit gekommen war, oder Soldaten, die im Krieg fielen. Auch keine Opfer aus tödlichen Autounfällen. Nein, es waren junge Menschen, die, um ihr Leben zu retten, versucht hatten nach Europa zu kommen, zu uns zu kommen … und dies mit dem Tod bezahlen mussten…..
weil wir Europäer ihre Flucht mit besten Mitteln verhindern konnten …
Weil wir Europäer unsere Grenzen dicht machten…
Weil wir Europäer unseren Wohlstand um keinen Millimeter teilen wollen …

Das Blut jedes Einzelnen Menschen, der hier um mich herum und auf hunderte Kilometer Küstenlinie entlang liegt, klebt an unseren europäischen Händen! Ich wollte mich entschuldigen, als Europäer, der diese Tragödien zum großen Teil zu verantworten hat – doch bei wem?
Sie waren alle tot, sind tot, bleiben tot …

Bild könnte enthalten: Pflanze und im Freien

Das Blut vieler Menschen klebt an unseren Händen.
Das können wir nicht mehr gut machen, aber wir müssen endlich dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen sterben!

Und ich, ein reicher Europäer, der mit einem tollen Fahrrad durch Tunesien radelt und so, einfach so Zeit verdallert, ohne sich groß Sorgen machen zu müssen über Essen, Trinkwasser, oder wie er seine Familie durchbringt, wie er seinen Eltern im Alter helfen kann, welches Dorf morgen von Rebellen überfallen wird, ich stehe hier und fühle mich gut, wenn ich zum Preis von 30 Cent für einen Café nochmal 30 Cent Trinkgeld dazu gebe …

Schreibe einen Kommentar

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen