Eindrücke aus Lampedusa (7)

Morgen früh (Samstag, dem 5.10.2019) werde ich zum letzten Mal die Insel vom Flugzeug aussehen. Ich bin gleichzeitig  traurig und froh nach Hause zurückzukehren. Es waren sehr emotionale Tage, vielleicht zu berührend, und ich brauche jetzt etwas Abstand, um mit kühlem Kopf das Erlebte zu bewerten.

Bevor ich diese Reihe von Kurzberichten abschließe, möchte ich noch nähere Informationen über einige Personen an die Leser*innen weitergeben.


Refat und Feryal Hazima und ich

Unter den vielen Gruppen, die vom Komitee 3. Oktober nach Lampedusa eingeladen wurden, suche ich Menschen aus Deutschland. Man sagt mir, es gebe ein Ehepaar aus Syrien, das in Deutschland lebt. Also suche ich nach ihnen, und ich finde bald den Mann. Er ist sehr freundlich und scheint mir irgendwie vertraut zu sein. Sein Name ist Refat. Könnte es sein, dass ich ihn schon 2016 in Hamburg kennengelernt habe? Damals waren meine Frau und ich, auf Bitte von Suor Paola – einer katholischen Schwester, die wir damals auf Lampedusa kennengelernt hatten – nach Hamburg gefahren, und wir hatten mit einem Mann gesprochen. Steht nun genau dieser Mann vor mir?

Ich bin mir nicht sicher, er scheint mich nicht zu erkennen, also reden wir weiter. Er erzählt von der Flucht seiner fünfköpfige Familie aus Syrien, vom Kentern des Schiffes am 11. Oktober 2013, nur wenige Tage nach der ersten Tragödie. Dabei seien zwei seiner Kinder (8 und 12 Jahre jung) vermisst worden, aber er sei überzeugt, dass sie gerettet und vielleicht „zwangsadoptiert“ wurden.

Genau diese Geschichte hatte ich schon 2016 in Hamburg gehört! Es kann kein Zufall sein, aber um ganz sicher zu sein, rufe ich meine Frau an. Als Refat ihr Bild auf meinem Smartphon sieht, gibt es keinen Zweifel mehr: Er selbst zeigt mir das Foto unserer damaligen Begegnung in einem Restaurant in Hamburg.

Mit seiner Frau Feryal sucht Refat immer noch seine vermissten Kinder und kommt jedes Jahr auf Lampedusa, mit der Hoffnung sie wiederzufinden.

Feryal hat in Syrien Biologie studiert und würde gerne in Deutschland arbeiten. Dafür müsste sie jedoch besser Deutsch sprechen können (auf C1-Niveau). Sie bräuchte dringend Hilfe vor Ort, also in Hamburg.

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Giacomo Sferlazzo, der Cantastorie von Lampedusa

Die zweite Personengruppe, die ich hier noch erwähnen möchte, ist das Askavusa-Kollektiv von Giacomo Sferlazzo. Giacomo und seine Freunde stehen politisch weit links.

Gegenstände erzählen Geschichten von Menschen

Sie haben ein kleines Museum mit Gegenständen der Flucht geschaffen, die sie von der Müllhalde der Gemeinde gerettet haben: Briefe, Teller, persönlich wertvolle Gegenstände, Gebetsbücher… Diese sind im „PortoM“ auf Lampedusa zu sehen. Die Aktivisten von Askavusa stehen immer zur Verfügung, wenn jemand Informationen über die Insel und ihre Geschichte benötigt. Sie haben auch akribisch recherchiert, um zu verstehen, was am 3. Oktober wirklich passiert ist.

Giacomo ist auch Musiker und Geschichtenerzähler (singend, eine Kunst, die in Sizilien eine große Tradition hat): Ich freue mich heute Abend in dem winzigen Theater von PortoM seine Geschichte Lampedusas erleben zu dürfen.

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Ein paar Fotos möchte ich noch den Leser*innen schenken. Ohne weitere, überflüssige Kommentare. Die Fotos haben ich gestern gemacht, als einige hundert Menschen und ich mit mehreren Booten, an den Ort der Tragödie gefahren sind, und der Bürgermeister von Lampedusa und Linosa, Salvatore (Totò) Martello, Blumen ins Meer geworfen hat.

Vielen Dank!

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