Eindrücke aus Lampedusa (6)

Der Vorsitzender vom „3-Oktober-Komitee“ (links) mit einer RAI-Journalistin.

7:15 Uhr vom 3.10.2019 – Nach einer Mütze Schlaf kehre ich wieder zum Denkmal zurück – und ich kann meinen Augen kaum trauen: Vor dem Memorial steht eine Redakteurin der RAI Region Sizilien und interviewt Tareke Brhane, den Vorsitzenden des „Comitato Tre Ottobre“, ein Komitee, das 2013 mit dem Ziel gegründet wurde, das Andenken an die Tragödie zu bewahren.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich freue mich über jegliche Organisation, die sich für eine menschenwürdige Flucht- und Migrationspolitik einsetzt, und das gilt uneingeschränkt auch für dieses Komitee. Mag sein, dass man mir eine gewisse Zweideutigkeit vorwerfen kann, aber – um bei Beispielen auf der Insel zu bleiben – ich halte es für wichtig, was der Linksaktivist Giacomo Sferlazzo und seine Freunde vom Punto M für Geflüchtete tun, genauso wie die Tätigkeit vom örtlichen katholischen Priester, don Carmelo La Magra oder des Bundes der Evangelischen Kirchen in Italien, die auf Lampedusa aktiv ist. Natürlich gibt es auch (deutliche) Unterschiede, die ich nicht verkenne. Aber sie haben auch gemeinsame Ziele und tragen dazu bei, Menschen zu informieren und zu sensibilisieren.

Wie gesagt, das gilt auch für das Komitee und für dessen Vorsitzenden. Warum habe ich mich also gewundert, dass er vor dem Denkmal stand? Weil ich ein bische die Geschichte dieses Komitees kenne. Von Beginn an hat das Komitee versucht, eine Art Monopol über die Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Tragödie zu üben, und gleichzeitig die Ereignisse als einen reinen Unglücksfall, für den niemand Verantwortung trägt, zu präsentieren.

Eine Veranstaltung vom Komitee 3. Oktober

Unbequeme Fragen (Verspätete sich die Küstenwache? Wurde wirklich alles getan, um Menschen zu retten? Stimmt es, dass in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 2013 zwei Boote ganz in die Nähe des Flüchtlingsbootes kamen und sich dann entfernten, ohne Hilfe zu leisten oder Alarm zu schlagen? Wenn ja, wem gehörten sie?) wurden einfach ausgeklammert. Kein Wunder, denn das Komitee entstand mit tatkräftiger Unterstützung von der Regierung und des Staatsapparates, und es wird vorwiegend vom Staat finanziert. Teile davon hatten sicherlich ein Interesse, dass bestimmte Fragen nicht in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestellt wurden.

Das gilt für die Katastrophe vom 3. Oktober, aber auch die des 11. Oktober 2013, als 268 Menschen – darunter sehr viele Kinder – ertranken. Die Justiz ist bei dieser zweiten Tragödie bis heute nicht zu endgültigen Ergebnisse gekommen, aber Offiziere der Marine müssen sich vor Gericht verantworten. Für die erste läuft in Agrigent ein Gerichtsverfahren gegen die vermutliche Besatzung eines der erwähnten zwei Boote (ein Fischerboot aus Sizilien).

Wie sie verstehen können, gab es kaum Kontakte zwischen dem „3. Oktober Komitee“ und den Rettern der Gamar, die gegenüber der Küstenwache immer deutliche Kritik geübt haben. Und auch im Vorfeld von diesem Jahrestag arbeiteten sie unabhängig voneinander. Das Komitee lud einige hundert Schüler*innen aus mehreren Ländern nach Lampedusa ein, die Retter bereiteten das Denkmal vor.

Aber nach der Einweihung scheint vielleicht etwas in Bewegung zu sein: Tareke Brhane spricht mit den Medien vor dem Denkmal der von den Rettern gewollt wurde, und Vito Fiorino erhält die Möglichkeit, vor den Schüler*innen zu sprechen, die vom Komitee eingeladen wurden. Wer weiß, vielleicht bringt der Dialog Früchte. Ich würde es begrüßen.

Aber ich sollte nicht vergessen, dass ich auf Lampedusa bin, die Insel des Autors von „Il Gattopardo“ (Der Leopard), Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Dessen berühmtesten Zitat lautet: “Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi. – Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern.“

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