Eindrücke aus Lampedusa (5)

In den letzten Tagen war das Wetter auf Lampedusa angenehm warm, aber nicht zu heiß. Am Vormittag des 2. Oktobers gab es jedoch etwas mehr Wind, und am Abend setzte der Regen ein. Erst leise, dann gegen 23 Uhr wütete ein Gewitter auf dem Meer und auf der Insel. Blitze und Donner, so laut und kräftig, dass viele Menschen sich fürchteten. Unter ihnen 77 Migranten, wahrscheinlich aus Tunesien, die die Küstenwache gerade zum Hafen gebracht hat.

Vorbereitungen um 3:21 Uhr

„Der Himmel weint“ – habe ich Vito per WhatsApp geschrieben. Es ist die Nacht zwischen dem 2. und 3. Oktober, die Nacht der Tragödie als 368 Menschen starben. Als der Regen endlich nachlässt treffe ich Vito vor seiner Eisdiele und wir gehen in die Piave Straße, wo das Denkmal eingeweiht werden soll. Nach und nach kommen hundert, vielleicht 150 Menschen. Die Feuerwehr sorgt für etwas Licht, aber nur vorübergehend, weil ein Teil der Zeremonie fast im Dunkel stattfinden wird. Kerzen werden dafür auf den Boden angezündet. Vom Denkmal ist noch kaum etwas zu sehen. Nur Holzbalken, Teile des gekenterten Bootes vom 3.10.2013 ragen heraus. Ein Tuch hüllt die über zwei Meter imposante Gedenkstätte.

Vito Fiorino: Das Denkmal war seine Idee.

Es ist still als Vito die Überlebenden bittet, das Tuch zu entfernen. Die Neue Hoffnung erscheint und überzeugt alle Anwesenden. Eine spiralförmige Struktur aus Metall bildet eine Art Trichter, der an einen Wasserstrudel denken lässt. Darauf sind die Namen der 368 Opfer zu lesen. Opfer, die bislang keine Namen hatten: sie wurden auf mehreren Friedhöfen auf Sizilien begraben, mit einer Identifikationszahl statt Namen. Jetzt bekommen sie wieder ihre Identität und Würde.

Die Gruppe der Überlebenden umkreist in der Stille das Denkmal. Dann kommen die Retter dazu. Auf der Wand hinter dem Denkmal, noch höher als die große Wandmalerei von Neve (ein Kranz aus gelben und weißen Blumen), sehen wir Möwen: Ein Projektor lässt sie hin und her fliegen. Zwei junge Menschen lesen einige Zitate aus meiner Lesung. Dann wird das Licht ausgeschaltet. Aus die Tonanlage erklingen Totenglocken.

Don Carmelo

Ich finde, dass Vito gut Regie geführt hat. Aber die Anspannung ist fast unerträglich. Dann bittet er einige der Geflüchteten ein paar Worte zu sagen, und ich leide mit Tadese, der sichtlich mit seinen Emotionen kämpft. Aregai und ein weiterer Geflüchtete sprechen mit leiser Stimme. Alle sind sehr bewegt. Don Carmelo, der katholische Priester der Insel, redet dann mit ruhiger, tröstender Stimme.

Trauer

Am Ende der Zeremonie entferne ich mich still von diesem Ort. Sechs Jahre lang habe ich die Zeugenaussagen der Überlebenden und der Retter weitererzählt. Sie sind mir nähergekommen, und auch sie betrachten mich als guten Freund. Fast alle sind jetzt hier. Wir haben uns vor dem Beginn der Gedenkfeier umarmt, aber ich würde es jetzt nicht schaffen, mich zu verabschieden. Mit Ciro De Vincenzo, sympatischen und klugen Doktorand aus Neapel, gehe ich am Ende der Romstraße, da wo das Meer, noch in der Dunkelheit zu ahnen ist. Und atme tief die Meerluft ein.

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