Eindrücke aus Lampedusa (4)

Karg und wild

Lampedusa: Eine außergewöhnliche Insel, deren Schönheit sich dem Betrachter erst beim zweiten Blick erschließt. Und eine gespaltene Gemeinschaft, die von Tourismus lebt, und alle „Störfaktoren“ schwer toleriert.

Sind sie alle Anhänger der Lega (geworden)? Nein, das glaube ich nicht. Sie sind einfach Menschen. Genau wie wir. Sie versuchen zu überleben, auf einer Insel, die sonst wenig zu bieten hat, vor allem kulturell. Und es gibt unter ihnen weder Heilige noch Teufel. Oft wurden sie als Helden dargestellt: Damit tut man ihnen Unrecht, weil dadurch Erwartungen, entstehen, die sie nicht erfüllen können.

Alles was hier geschieht kann so oder so interpretiert und kritisiert werden. Der scheinbare Held von gestern wird morgen verteufelt. Der Teufel wird bejubelt. Das Dorf hat eine lange Erfahrung in dieser speziellen „Sportdisziplin“ gesammelt, und ich könnte hier eine lange Liste von Beispielen hinzufügen…

Salvini (Lega): vom Rosenkranz-Spieler zum lächelnden Gekreuzigten

Ich schreibe vom Teufel… und schon denke ich an Salvini. Heute kursiert im Netz ein Foto von ihm als gekreuzigten Christus. Widerlich.

Ich bin sonst kein Kirchengänger, aber heute Mittag spüre ich das Bedürfnis einen Blick in die Dorfkirche zu werfen.

Christus in der Kirche St. Gerlando von Lampedusa

Hier ist auch ein Gekreuzigter zu sehen: Ein Geschenk von Raul Castro an Papst Franziskus, mit Paddeln die an die unzähligen Bootkatastrophen erinnern.

Kurz zuvor war ich in der via Piave, wo Vito Fiorino – mit tatkräftiger Unterstützung von Garivo (Gardens of the Righteous Worldwide), eine Mailänder Stiftung, und der Gemeinde Lampedusa – ein Denkmal für die Opfer der Tragödie heute aufstellen wird. Gaia Cristina Rossi, die Architektin, die mit Vito das Denkmal entworfen hat, ist auch hier. Sie haben dem Denkmal einen Namen gegeben: „Nuova speranza“ (Neue Hoffnung): so hieß vor dem Kauf das Boot von Vito, die Gamar. Nomen est omen, der Name deutet schon darauf hin.

Letzte Vorbereitungen

Das Denkmal ist noch nicht auf dem dafür vorgesehenen Podest. Aber auf der großen Wand im Hintergrund hat ein Mailänder Künstler, Neve, einen riesen Blumenkranz gemalt. Ich empfinde ihn als sehr würdevoll. Abgebildet wurde der Kranz, den Papst Franziskus im Meer geworfen hatte – zwei Monate vor dem 3. Oktober 2013. Vito scheint jetzt etwas entspannt, obwohl noch viel zu tun ist. Aber er scheint sich sicher zu sein, dass heute Nacht alles fertig sein wird. Und genießt die Nähe vieler Freunde: auch von Salomon, den er gerettet hatte.

Gerettete mit Costantino und Domenico

Nach und nach bildet sich unter dem Memorial eine kleine Gruppe von Menschen: Geflüchtete, Einheimische, Fremde. Aregai und mehrere Freunde sind unter ihnen. Er spricht mit einem kleinen, muskulösen Mann. Dabei fehlt mir auf, dass Aregai ihn oft berührt und umarmt. Er ist der Mann, den er „Papa“ nennt, Domenico Colapinto, der Fischer, dem er das Leben verdankt. „Ohne Dich wäre ich heute nichts“ flüstert der Eritreer. Domenico war am 3. Oktober auf seinem Fischerboot, die „Angela C“ mit Raffaele, seinem Bruder und seinem Neffe Francesco. Sie retteten 18 Menschen. Ein Jahr nach der Tragödie kehrte er nach Rimini zurück, weil er nicht mehr auf Lampedusa fischen konnte. „Ich brauchte selbst psychologische Hilfe, danach“ gesteht er mir.

Dann kommen Costantino Baratta und seine Frau, die mich erkennen (er war einer der Sprecher der Lesung von 2016) und herzlich begrüßen. Costantino hat 13 Leben gerettet und wurde deswegen „Mann des Jahres 2013“ vom Magazin „L’Espresso“ geehrt. Das Ehepaar Baratta ist bescheiden, sympathisch und freundlich. „Wie geht es ihm?“ wage ich seiner Frau zu fragen. „Gut, sehr gut“ – antwortet sie – „Zum Glück hat er den Schrecken jener Tage endlich überwunden und freut sich, heute die Geretteten wiederzusehen.“

Ich fotografiere eifrig, will diese Begegnungen festhalten. Aber ich merke später, dass meine Kamera kein Speicherchip hat, und laufe zum Hotel, um sie zu holen! Gut, dass meine Frau in Hannover geblieben ist. Sie würde sicherlich meine Aufregung merken, und sich vielleicht etwas Sorge machen.

Eine lange Nacht erwartet uns. Heute Nacht um 3:30 Uhr (der Zeitpunkt der Tragödie) findet die Einweihung des Denkmal statt.

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