Eindrücke aus Lampedusa (3)

Via Roma auf Lampedusa

Via Roma, die Hauptstraße der Insel, ist ein Ort der Begegnung. Man braucht nur dort zu flanieren, um sicher zu sein, dass mehrere interessante Begegnungen stattfinden werden. Von der Eisdiele von Vito bis zum Archivio Storico von Nino Taranto und zurück und schon hat man zwei, drei liebe Menschen kennegelernt oder wiedergesehen. Auch die Geschäfte einiger Freunde von Vito liegen ebenfalls auf der via Roma. Alessandro, Grazia, Linda, Sharani, Rosalia und Carmine arbeiten hier (und auch Marcello lebt und arbeitet jetzt auf der Insel). Sie wollten mit Vito am 3. Oktober 2013 nur den Stress abbauen, doch unfreiwillig wurden sie zu den Rettern von 47 Geflüchteten aus Eritrea. Ein Ereignis, das ihr Leben verändert hat.

Die „Gamar“ – 47 Menschen wurden mit diesem Boot gerettet

Ich spaziere also auf der via Roma und halte mich kurz bei den Geschäften der Frauen und Männer der „Gamar“ auf, wenn gerade kein Kunde da ist. Zeit für eine Umarmung und zwei Worte – mehr nicht, weil ich spüre, dass sie zunehmend aufgeregt sind. Bald kommt mit dem 3. Oktober ein Tag der Trauer, aber auch des Wiedersehens. Aregai, Alek, Tadese und einige andere sind schon da. Sie sind aus Schweden, Holland und aus Rom gekommen, dank Vito. Wie jedes Jahr hat er sie eingeladen. Auch Ambaseger wird am 2. Oktober ankommen.

Mit den Überlebenden kommen jedoch auch viele Interessierte. Journalisten, Soziologen oder einfach Menschen, die mittrauern möchten. Dazu dutzende von Schulklassen und Gruppen. Man könnte sie die „Touristen der Solidarität“ nennen, doch dies wäre eine sehr positive und milde Bezeichnung.

Eigentlich gehöre ich auch dazu, wie ich feststelle. Schließlich bin ich auch hier, ich genieße die Insel, die Sonne und das Meer. Und wahrscheinlich wäre ich nie nach Lampedusa gekommen, wenn die letzten sechs Jahre meines Lebens nicht mit dieser Insel und vor allem mit der Tragödie vom 3. Oktober so eng verbunden gewesen wären.

Das Aufnahmezentrum von Lampedusa (2016)

Ich gewinne aus meinen Gesprächen den Eindruck, dass die Mehrheit der Lampedusaner zwar nicht auf diese Touristen verzichten möchte, aber umso lieber auf die Bezeichnung „Insel der Gefüchteten“ oder „Insel der Solidarität“. Die Inselbewohner haben zweifelsohne unterschiedlich von den ankommenden Migranten und Flüchtlingen profitiert: Dadurch sind Arbeitsplätze entstanden (Aufnahmezentrum) oder gesichert worden. Zum Beispiel, um auch in den Wintermonaten Polizisten, Zollbeamten, Carabinieri, Mitarbeiter der Küstenwache und der Marine zu beherbergen.

Im Gespräch erwähnt Nino (ja, immer derselbe Nino, dem ich bei jeder Umdrehung auf der Via Roma begegne) die Erfolge der Lega von Salvini (45,85 % der abgegebenen Stimmen) als ein Zeichen für die zunehmende Verdrossenheit der Bewohner gegenüber Migranten und Geflüchteten.

Er ist viel härter in seinem Urteil als ich, und mir bleibt so die Rolle des „Advocatus diaboli“: Ja, die Lega hat mehr Stimmen als die anderen Parteien erhalten, aber die Wahlbeteiligung lag bei 26,7 % und die Lega konnte nur ca. 12 % der Einwohner überzeugen für sie abzustimmen.

Fast drei Viertel der potentiellen Wählerinnen und Wähler sind nicht zur Wahl gegangen. Herr Martello, der Bürgermeister, der Giusi Nicolini abgewählt hat, hat von einem Pyrrhussieg der Lega gesprochen und kritisiert, dass sogar Wähler der Demokratischen Partei nicht für „ihren“ Kandidat gestimmt haben. Der Arzt Pietro Bartolo hat hier nur 229 Stimmen erhalten, wurde aber schließlich ins EU-Parlament gewählt.

Aber so ist leider die Inselkultur: Wenn jemand den Mut hat aufzustehen und für seine Ideen zu kämpfen, wird er niedergemacht. Meist von den eigenen Leuten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Cari amici del Gamar!
    Anche per me il 3 ottobre è diventato un giorno molto importante.

    Con Antonio Riccò ho elaborato la tua storia per il teatro.
    Nel frattempo, le ho detto più di 80 volte.
    Per quasi 9000 spettatori. Domani, 3 ottobre, i miei pensieri saranno con tutti voi.
    Cordiali saluti da Wito.

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