Eindrücke aus Lampedusa (2)

Pietro war dieses Mal beim Flug nicht dabei, dafür aber die drei jungen, sympathischen Filmemacher Ann, Luigi und Luca, die in den nächsten Tagen festhalten werden, was auf der Insel passieren wird.

Anflug auf Lampedusa

Es ist berührend für mich, die Konturen der Insel zu sehen, als wir zur Landung ansetzen. Mein Freund Vito erwartet mich am Flughafen und begleitet mich ins Hotel. Dieses liegt genau gegenüber dem „Archivio Storico Lampedusa“, das uns viele schöne Fotos geliefert hatte, als wir mit der Lampedusa-Lesung begannen. 

Nino Taranto vor dem Archivio Storico Lampedusa

Hier treffe ich Nino Taranto, den Motor dieses kleinen Vereins, dessen Aufgabe es ist, die Geschichte (und die Zukunft) der Insel zu dokumentieren. Aber Nino ist viel mehr als ein Lokalhistoriker: Will man den Puls der Insel fühlen, muss man mit ihm reden. Er kennt die Stimmung, er spürt die Ängste der Menschen: von denen die hier stranden, manche aus Libyen kommend, und von Migranten aus Tunesien. Diese Menschen – meist junge Männer – sind hier besonders viele, wie ich in den Straßen Lampedusas feststelle. 200 Tunesier sind allein in den letzten Tagen hier angekommen. 

Nino kennt auch genau die Stimmung im Dorf. „Es sieht nicht gut aus, viele Einwohner befürchten, dass die Geflüchteten das Geschäft verderben“ – sagt er mir mit trauriger, besonnener Stimme. „Es gab schon lange Anzeichen dafür. Die Stimmen für Salvinis Lega bei der letzten Europa-Wahl haben es bestätigt. Und die Übertreibung der Presse hilft nicht: Heute sprechen die Medien vom ‚Kollaps von Lampedusa‘.“

Ich teile seine Meinung: In den Berichten der Presse schwebt Lampedusa immer zwischen Probleminsel der Geflüchteten und solidarischem Zufluchtsort. Die Wahrheit aber liegt irgendwo dazwischen; die nächsten Tagen werden mir vielleicht helfen, ihr ein bisschen näher zu kommen.   

* * * * *

Dieses Mal will ich aber das Meer genießen, anders als 2016, als ich die ganze Woche mit der Vorbereitung der Lesung beschäftigt war und das Meer kaum sehen konnte. Vito hat spätabends mit Gianluca telefoniert, der Ausflüge für Touristen mit seinem Boot durchführt. Am nächsten Morgen bin ich auf der „Pianeta Mare“. Lampedusa zeigt ihr bestes Gesicht: Das Meer ist ruhig, das Wasser lauwarm, die Sonne angenehm. Gianluca und sein jüngeren Schwager Christian sind freundlich, witzig, sympathisch.

Die zwei Seiten von Lampedusa: Migrantenboote…

„Es waren Vito und seine Freunde gewesen, die damals viele vor dem Ertrinken retteten, nicht die Küstenwache“, erzählt er mir unaufgefordert. Er hat zumindest teilweise Recht: Die acht Freunde auf der „Gamar“, dem neun Meter langen Boot von Vito, retteten 47 von 155 Menschen in Not. Andere wurden von weiteren Booten von Lampedusanern aus dem Wasser gezogen. Ich spüre aus seiner Stimme seine Anerkennung für die Retter, aber auch sein Mitleid für die Opfer. Fast entschuldigend fügte er hinzu: „Ich war im Hafen, als die Gamar kam. Das Boot war unvorstellbar voll und drohte selbst zu kentern.“

Um so erstaunter bin ich zehn Minuten später, als er den Gästen erklärt, dass sich „leider“ nach dem Abgang von Salvini aus der Regierung die Anzahl der ankommenden Boote aus Tunesien vervielfacht habe. Er sieht die Ankünfte als Folge des Regierungswechsels. „Ein Signal für diese Scheinmigranten, viele davon Kriminelle, die hohe Erwartungen haben.“

…und Touristenboote

Ich bleibe (zunächst) sprachlos. Später denke ich an die besorgten Worten von Nino, den ich  bei meiner Rückkehr ins Hotel wieder auf der via Roma treffe. „Du hattest Recht, mein Lieber“ – sag ich ihm, und erzähle kurz warum. Er schmunzelt: „Kennst Du noch nicht die Geschichte des Eremiten von Lampedusa? Man sagt, dass früher ein Eremit auf der Insel lebte. Manchmal kamen hier Christen, manchmal Muslime, und beide fürchtete er. Deswegen hatte der Eremit seine Höhle aufgeteilt: Ein Teil für Christen, ein Teil für Muslime. Alle waren zufrieden, und er selbst hatte so nichts zu befürchten.“

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