Eindrücke aus Lampedusa (1)

Gerade bin ich am Flughafen „Falcone und Borsellino“ gelandet. Viele von den Touristen aus aller Welt, denen ich hier heute begegne, haben noch nie von „Falcone und Borsellino“ gehört. Mir – als Deutsch-Italiener – sagen diese Namen aber sehr viel: Die beiden leitenden Staatsanwälte wurden Anfang der 90er Jahre von der Mafia ermordet, und sie sind später zum Symbol für ein „sauberes Sizilien“ geworden, sodass der Flughafen ihnen gewidmet wurde. Auf einer Werbetafel finde ich eine Adresse mit einem dritten Namen, der auch mit der Antimafia-Bewegung fest verbunden ist: „Lungomare Peppino Impastato“ („Strandpromenade Peppino Impastato“).

Wer hätte das gedacht? 1978 wurde Peppino von fast allen Zeitungen den Lesern als Linksterrorist präsentiert, jahrelang kämpfte seine Familie dafür, die Wahrheit ans Licht zu bringen, bis endlich klar wurde, dass Peppino von der Mafia ermordet worden war. Es war der mächtige Mafia-Boss Gaetano Badalamenti, der den Mord befohlen hatte. 

Sehr empfehlenswert: Das Buch von Pietro (und der Journalistin Lidia Tilotta) über seine Arbeit als Arzt auf Lampedusa.

Der Name Impastato ist den Besuchern meiner szenischen Lesung „Ein Morgen vor Lampedusa“ gut bekannt: Francesco Impastato, Vetter von Peppino und selbst in der Antimafia- Bewegung aktiv, hat die Musik des Stückes komponiert. 

Vier Stunden sitze ich hier am Flughafen und warte. Wie vor drei Jahren, als einige Freunde zusammen mit meiner Frau und mir zum ersten Mal nach Lampedusa geflogen sind. Damals warteten wir umsonst, da der Flug annulliert wurde. Aus heutiger Sicht ein Glücksfall, denn unter den Warteten saß auch Pietro Bartolo, mit dem ich damals ein langes Gespräch führen durfte. 

Pietro war damals der leitende Arzt auf der Insel, heute ist er Europaabgeordnete der Demokratischen Partei. Er erzählte uns unglaubliche, grauenhafte Geschichten. Von misshandelten Geflüchteten in den Kerkern Libyens. Von Menschen, die viel Geld ausgegeben hatten, um einen teuren Platz auf einem der Gummiboote der Schlepper zu bezahlen. Eine tragische Entscheidung: Während der Überfahrt zwischen Afrika und Lampedusa hatte sich ihre Haut „aufgelöst“, wie nach einer Verbrennung. Eine Mischung aus Benzin und Salzwasser hatte heimtückisch sehr schwere Verletzungen verursacht, die erst nach einigen Stunden festgestellt wurden. Die Opfer waren vor allem Frauen, die – in der Annahme, einem geschützten Platz bekommen zu haben – auf dem Boden der Gummiboote saßen, wo eben Wasser und Benzin sich vermischten. Das Gespräch mit Pietro – bestätigte mir, wie brutal Schlepper sind.

Schlepper und Folterer arbeiten wie die Mafia: Sie sind skrupellos und nützen die Lage von Menschen in Not aus, um sich zu bereichern. Sie nehmen in Kauf, dass unschuldige Opfer einen hohen Preis dafür zahlen.

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